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Von Uta Mindermann – mit freundlicher Genehmigung

Eine Geschichte zum Thema Mobbing in der Schule:

 

Zu weit gegangen

 

„Gib das her, das ist meins!“

Daniel greift nach dem Foto. Doch er erwischt es nicht. Max ist schneller, lacht und rennt mit der Beute aus dem Zimmer. Daniel kann ihn nicht einholen, muss dringend verschnaufen. Max setzt sein fürchterlichstes Grinsen auf und ruft:

„Na, Specki, kannst nicht mehr?“

Das Rot in Daniels Gesicht wird immer leuchtender. Ausgerechnet jetzt erscheint seine Lehrerin, Frau Schäfer, und schimpft:

„Was ist das hier für ein Gerenne auf dem Flur? Ihr kennt doch die Hausordnung! Dies ist die letzte Verwarnung, wenn das noch einmal vorkommt, lass’ ich euch von euren Eltern abholen – dann ist für euch die Klassenfahrt sofort beendet! – Daniel, worum ging’s?“
„Hab’ ich vergessen!“
„So, na ja, Max, komm mit! Ich muss mit dir reden.“

Während er hinter der Lehrerin hergeht, macht er Faxen und lässt das Foto auf den Boden flattern. Daniel geht einen Moment später hin und hebt es auf. Das Bild ist schmutzig und ein breiter Knick geht durch das Gesicht von Jenny, einem Mädchen aus seiner Konfusgruppe. Sie ist das erste Mädchen, bei dem er auch in den Augen ein Lächeln sieht, wenn der Mund lacht. Vorsichtig streicht er den Sand von dem Gruppenfoto und steckt es in die Hosentasche.

Nach dem Mittagessen stellt sich Frau Schäfer mitten in den Speiseraum und verkündet:

„Wir treffen uns in 15 Minuten vor der Eingangstür. Heute machen wir einen Ausflug in den Ort!“

Die Klasse sowie Frau Schäfer und ihr Kollege, Herr Wulferding, marschieren pünktlich los.

„Frau Schäfer, finden Sie nicht auch, dass es heute heiß genug für ein Eis ist? Nach der anstrengenden Wanderung durch den Wald, sollten wir den Kindern und uns eine Pause gönnen.“
„Ist gut, dann sehen wir uns im Ort nach einer schönen Eisdiele um.“

Der Ort ist recht überschaubar und so erreichen sie schnell den Marktplatz. Glücklicherweise entdeckt einer der Schüler sofort eine Eisdiele mit italienischem Namen und einer Terrasse.

„Ich nehme zwei Kugeln Stracchiatella auf einer Waffel!“
„Und ich will Schoko und Vanille mit Sahne drauf!“
„Für mich einen Becher mit drei Kugeln Erdbeer!“, usw.

Die Eisverkäufer haben große Mühe, alle Wünsche der jungen, ungeduldigen Kundschaft zu erfüllen. Daniel wartet etwas abseits darauf, dass der Ansturm abnimmt. Er hat zwar einen kräftigen Körper, aber seine Stimme ist schwach. Daher traut er sich nicht, einfach aus der dritten Reihe seine Bestellung aufzugeben.

Als er dann doch zum Zuge kommt, gönnt er sich eine Kugel Waldmeister in einer Waffel. Er genießt die Kühle, die erst den Gaumen erschreckt und anschließend angenehm langsam in den Bauch findet. Oh ja, das erfrischt jetzt wirklich und ist dazu so was von lecker: Das schmeckt nach mehr! Beim Eisstand ist gerade nichts los, also holt sich der Junge das Gleiche noch einmal.

Draußen auf der Terrasse sitzen derweil die Kinder, vom Eis abgekühlt, längst erholt und leicht gelangweilt.

„Max, guck mal, Specki holt sich noch ein Eis!“, fordert Timo auf.
„Echt? – Hoffentlich kommt er bei mir vorbei …“

Daniel MUSS an seinem ewigen Peiniger vorbei!
Zum richtigen Zeitpunkt stellt Max seinen Fuß in den Weg: Der kräftige Junge und das Eis landen auf den Steinplatten.
Nun blickt er bäuchlings auf die grüne, in ihrem eigenen Schmelz liegende, ehemalige Kugel.
Alle Klassenkameraden, die es mitbekommen haben, lachen lauthals.
Klar: Wer jetzt für den Außenseiter Partei ergreifen würde, könnte selbst das nächste Opfer sein!

In Gedanken hört Daniel den lieb gemeinten Rat seiner Großmutter:
„Egal, wie schlimm es im Moment für dich sein mag: Eines Tages ist der Abschnitt Schule zu Ende und dann kann alles anders werden. Hab’ Geduld!“

„Schluss jetzt! Hört auf zu lachen, wir wollen wieder zurück zur Jugendherberge gehen!“, ertönt die schrille Frauenstimme, während Herr Wulferding dem Jungen beim Aufstehen hilft.

Der Rückweg führt an einem vom Ort abseits im Talgrund gelegenen Bauernhof vorbei.
Zu dem Hof gehören zwei Hunde. Der eine, ein Deutscher Schäferhund, liegt mitten im Hof und hebt nur den Kopf, als die Klasse vorüberzieht. Der andere, ebenfalls große Hund mit breitem, quadratischem Schädel und schwarzer Maske, nähert sich dem Jägerzaun, der das Wohnhaus umgibt.

Das Warnschild „Vorsicht! Bissiger Hund!“ fällt Timo auf. Er tippt seinen Nebenmann an und fragt unsicher:

„ Mensch Max, der sieht aber gefährlich aus, meinst du, dass das ein Kampfhund ist?“
„Kann schon sein, aber der ist hinterm Zaun eingesperrt. – Vielleicht kann ich ihn ja herauslocken …“
„Spinnst du? Nein, bloß nicht!“
„Ach, hab’ dich nicht so! Wenn er kommt, nimmt der sowieso Specki, an dem ist das meiste Fleisch dran.“

Max tritt aus dem Pulk heraus, um sich dem Vierbeiner zu nähern.
Der Hund fängt sofort an zu bellen: ganz tief und kraftvoll.
Der Junge amüsiert sich darüber und ahmt ihn nach. Als das Tier jetzt unruhig wird und mit den Vorderbeinen auf die Querlatte steigt, stachelt er ihn weiter an:

„He, hüpf rüber, wenn du was von mir willst!“

Das Gebell hat die Lehrkräfte aufmerksam gemacht.

„Max, komm sofort zurück!“, herrscht Herr Wulferding den Übermütigen an.

Auf diesen Moment hatte der Junge nur gewartet.

„Ach, der ist harmlos. – Was ist jetzt, du Köter?“

Gleichzeitig provoziert er den Hund mit einer heftig winkenden Armbewegung. Jetzt schiebt das Kraftpaket sein Hinterteil nach und überwindet den Zaun.
Max erkennt endlich die Gefahr und rennt zur Klasse zurück.
Sein grimmiger Verfolger bleibt in gebührendem Abstand vor der Menschengruppe stehen und knurrt lang anhaltend mit gefletschten Zähnen.

„Du meine Güte, Herr Wulferding, was machen wir denn jetzt? Meinen Sie, der wird tatsächlich auf uns losgehen?“, fragt die Lehrerin unsicher.

Die Kinder verhalten sich ungewöhnlich ruhig und unbeweglich.
Der Lehrer erinnert sich laut:

„Daniel, hast du nicht letztens im Unterricht erzählt, dass dein Vater Hundetrainer bei einer Polizei-Hundestaffel ist?
Kennst du dich auch mit Hunden aus?“

Daniel kommt zum Lehrer vor und beginnt konzentriert:

„Das ist ein Bullmastiff mit locker 60 kg Kampfgewicht; extrem gereizt, aber kontrolliert.“
„Schön!“, seufzt der Mann, „und wie kommen wir hier weg, ohne dass uns etwas passiert?“
„Kein gesunder Hund ist so dumm und wagt es, eine geschlossene Gruppe von Menschen anzugreifen.“
„Ok. – Kinder, ihr habt’s ja gehört. Bleibt alle eng zusammen, während wir weitergehen!
Ich werde versuchen, über Handy die Polizei zu rufen.
Daniel, du beobachtest weiter das Ungetüm, alle anderen halten ihre Augen geradeaus!“

Zögernd setzen sich alle in Bewegung. Alle!
Das Tier trabt knurrend parallel zu Daniel, der das Schlusslicht bildet, her.
Die beiden tauschen Blicke aus, ohne die Augen zu treffen, nur auf den Körper des anderen gerichtet.
Der Abstand wird beibehalten, sie gehen einfach vorwärts.

Erst am Ende der Straße, die vom Hof wegführt, hat der Lehrer Empfang auf seinem Handy und kann die Polizei verständigen. Die erscheint sofort samt Hundefänger und die Gefahr ist rasch gebannt.

Herr Wulferding bedankt sich bei einem der Polizeibeamten und fasst noch einmal schnell zusammen, wie es zu der heiklen Situation kommen konnte. Der Hundefänger erklärt daraufhin lachend:

„Dann sollten Sie nicht vergessen, sich auch bei dem Jungen mit dem großen Hundeverstand zu bedanken! Er hat Ihnen den richtigen Rat gegeben.
Hinter jeder Art von Aggression bei Hunden steht die eigene Angst. Solange sich alle als eine Einheit ruhig von ihm weg bewegten, hatte der Hund gar keinen Grund, sich bedroht zu fühlen. Die Wahrscheinlichkeit einer Attacke von ihm war gleich Null.
Wäre allerdings ein Kind ausgebüxt, hätte der Jagdinstinkt ihn hinterherhetzen lassen.“

Der Lehrer bedankt sich abermals für die Hilfe sowie diesmal auch für die ausführlichen Informationen und verlässt erleichtert mit den Schülern und seiner Kollegin den Schauplatz.

In der Jugendherberge ziehen sich die Kinder bis zum Abendessen still auf ihre Zimmer zurück.
Nach der gemeinsam eingenommenen Mahlzeit hören alle wieder Frau Schäfers Stimme:

„Herr Wulferding und meine Wenigkeit haben uns überlegt, dass wir Daniel, dem Helden des Tages, eine spontane Dankeschön-Party ausrichten sollten. Helft alle mit, dann kann es gleich losgehen!“

Zustimmender Jubel von allen Seiten.
Endlich kehrt die gewohnte Lebendigkeit und Lautstärke der Kinder zurück. Sie sind sehr beschäftigt und voller Vorfreude auf den Disco-Abend.
Die Hauptperson hat jede Menge Spaß auf der Feier und genießt das ungewohnte Gefühl mittendrin zu sein.
Als der gefeierte Held selbst den Wunsch verspürt, sich für einen Augenblick zurückzuziehen, lehnt er sich gegen eine Wand und denkt verträumt:
„Zu schade, dass Jenny das alles nicht mitbekommt – sie hätte mir jetzt bestimmt zugelächelt.“

In diesem Moment packt Max seine Hand auf Daniels Schulter und meint:

„Mann, das war echt cool – ich hatte plötzlich ganz schönen Schiss in der Hose. Du nicht?“
„Doch, ehrlich gesagt, schon.“

- Ende -

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

(Artikel 1 Abs.1 Grundgesetz)

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Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

(§1631 Abs. 2 BGB)

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(Arthur Schopenhauer - Parerga und Paralipomena II)


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